Auf Tour mit Massive Attack: Der beste aller Gigs – und der verrückteste

Von in Auf Tour mit Massive Attack, Live Sound

Der folgende Beitrag ist der vierte aus der Serie Auf Tour mit Massive Attack von Robb Allan. Robb berichtet aus seiner Perspektive als FOH-Toningenieur und Mitglied des Avid Live-Sound-Teams. Übersetzung: Anke Cherrak

Glastonbury

Glastonbury – das beste Festival der Welt: Menschen, Lineup, Vibes, die absolut unglaublichen Dimensionen und all die unterschiedlichen Besucher! Die Atmosphäre, Genie und Wahnsinn.

Aber auch der stinkende Schlamm, der überall an Schuhen und Kleidung klebt, als wolle er einen nie wieder loslassen, und seinen Weg in seiner perversen Obsession sogar in die hintersten Ecken des Equipments und überall hin findet, so dass man ihn erst Tage später entdeckt. Dann ruft sein widerlicher, hartnäckiger Geruch sofort die Highlights und Abgründe des Sommers ins Gedächtnis.

On Tour with Massive Attack: It Was the Best of Gigs, It Was the Maddest of Gigs

Photo by twak / CC BY 2.0

Mann, ich liebe Glastonbury! Außer in den beiden Momenten, in denen ich die relative Zivilisation der Bühne und ihrer Nebenräume verlasse und mich durch die weltkriegsähnliche Apokalypse – die das Publikum irgendwie überleben muss – bis zum FOH-Platz durcharbeite. Sie denken jetzt vielleicht, ich trage ein bisschen dick auf (und, ja, ich bin bekannt dafür, dass ich Geschichten gerne ausschmücke), aber die beiden Wege zum Linecheck und zum Auftritt selbst sind einfach nicht anders zu beschreiben. Wie können es die Menschen dort tagelang in Zelten und all so etwas aushalten?! Unfassbar.

Irgendjemand gab mir ein paar Stiefel, allerdings in verschiedenen Größen – einer passte perfekt, der andere war zu groß. Ich schätze, ein anderes Crew-Mitglied hatte die ebensowenig zueinander passenden Gegenstücke erhalten. Ich fragte herum, konnte das zweite Opfer aber nicht ausmachen. Also lief ich ständig mit dem Gefühl durch die Gegend, den rechten Stiefel gleich in dem klebrig-gierigen Schlamm zu verlieren, und bewegte mich, als folgte ich Schlamm-Kornkreisen.

Das beste Pult für schlammige Festivals

Es dauerte eine Weile, bis ich am FOH-Platz ankam. Bei früheren Auftritten hatte ich einen Gabelstapler oder so etwas gebraucht, um mein Pult dorthin zu befördern, und musste schon zu Unzeiten auf dem Gelände sein, noch vor den Zuschauern, mit einem durch nichts zu erschreckenden Fahrer und diversen verschlafenen Helfern, um meine Anlage in Position zu bringen. Nach dem Auftritt durfte ich stundenlang warten, während der Rest der Crew duschen und es sich gutgehen lassen konnte – bis irgendwann die meisten Zuschauer den Platz verlassen hatten und mein Gabelstaplermann alles zurück zur Laderampe karrte. Aber nicht dieses Mal – ha! Diesmal war es eine einzige Freude! Wir tauchten auf, und ich kreiste in zufälligen Ellipsen (aufgrund des erwähnten, instabilen Schuhwerks) auf meinen FOH-Platz zu, während vier Leute mein komplettes Equipment in einem Rutsch dorthin schafften! Die S3L ist das perfekte Pult für solche Schlammschlachten. Damit ist es amtlich.

On Tour with Massive Attack: It Was the Best of Gigs, It Was the Maddest of Gigs

Die netten Burschen von Skan PA hatten mir vorne am FOH-Podest einen Platz reserviert, der recht großzügig bemessen war. Und mein Pult war so klein, dass problemlos noch ein Sofa mit Fernseher, ein Kaffetisch und Stühle hingepasst hätten. Beim nächsten Mal. Als ich meinen Keyboard-Ständer für die S3-Konsole aufbaute, hörte ich wieder die typischen Roady-Witze, die sich meist um zwei Themen drehten: War ich vielleicht der Lounge-Pianist? Kannst Du auch ‚Summertime‘? Spielst Du auf Hochzeiten? Und all so etwas. Die andere, noch beliebtere Schiene waren Witzeleien, die Parallelen zwischen Größe und Leistung zogen. Ich tat dann einfach so, als verstünde ich nicht, was sie meinten, oder gab meine übliche Antwort und erklärte ihnen das Gesetz der umgekehrten Proportionalität der Dinge. Aber es gab auch sehr viel echtes Interesse an der Konsole, und der Strom meiner Tontechnikerfreunde und -kollegen aller Altersgruppen, die sich einfanden, um sich das gute Stück anzuschauen und ein bisschen damit herumzuspielen, riss nie ab. Als das Gelächter verklungen und den Witzbolden die Einfälle ausgegangen waren, machte ich mich ans Verkabeln und unterhielt mich nebenbei mit Matt Vickers und Tom Tunney, dem System-Designer bzw. FOH-Chef von Skan. Sie waren superfreundlich, sehr nette Menschen. Ich erinnere mich noch, dass ich mich als junger Mann vor meinen ersten Gigs auf großen Festivals fast ein bisschen gefürchtet hatte. Damals waren die Leute deutlich unentspannter, unfreundlicher, härter und oft zynisch. Es wurde immer wieder in Frage gestellt, ob man überhaupt das Recht hatte, dort zu sein. Und sie kritzelten einem eine Note für den Mix neben die Liste der Bands, die aufgetreten waren. Bevor man weg war! Ich habe Leute mit Tränen in den Augen den FOH-Tower verlassen sehen, so empört und gedemütigt waren sie.

Ich weiß nicht, ob es an meinem Alter liegt (wenn heutzutage über mich geschrieben wird, lese ich immer wieder Veteran vor meinem Namen …) oder daran, dass die jüngeren Leute ein glücklicheres und saubereres Leben führen, aber die Atmosphäre ist heute einfach freundlicher. Die Skan-Leute zum Beispiel haben ein hübsches Chesterfield-Sofa, boten mir etwas zu Trinken an und behandelten mich immer wie einen willkommenen Gast. Vielen Dank dafür.

Wir reisten über Nacht aus Luxemburg an, so dass ich keine Zeit für meinen gewohnten Virtuellen Soundcheck hatte – oha. Das kommt mir mittlerweile so unverzichtbar vor, dass ich mich kaum noch daran erinnern kann, wie ich ohne auskam. Das Festival lief schon, als wir ankamen, wir hatten also keine Chance. Doch als ich die mächtige Beschallungsanlage aus der D&B J-Series hörte, während die ersten Bands spielten, war ich sicher, dass die Show gut würde. Es ist unglaublich, dass Avid die Sache mit den Virtuellen Soundchecks erst vor nicht einmal zehn Jahren entwickelt hat! So eine kurze Zeit, und doch hat dieses Konzept die Welt des Live-Sounds so grundlegend verändert, dass ich mich ohne beinahe ein wenig unvorbereitet fühle.

Apropos Luxemburg: Das Festival, auf dem wir gerade gespielt hatten, fand auf dem Gelände einer kürzlich umgebauten Abtei statt, die nun ein Kunst- und Kulturzentrum ist. Die Bühne bot einen schönen Blick auf die auf einem Felsvorsprung oberhalb gelegene Festung. Später erzählten uns die Luxemburger noch etwas ziemlich Gruseliges aus der Geschichte der Abtei. Während der Restauration wurden einige Wände eingerissen und zum Vorschein kamen Baby-Skelette aus diversen Epochen. Ist das nicht schaurig??

On Tour with Massive Attack: It Was the Best of Gigs, It Was the Maddest of Gigs

Photo by Eduardo / CC BY-SA 2.0

Die Show

Zurück nach Glastonbury: Vor der Other Stage warteten bereits 40.000 oder 50.000 Zuschauer auf unsere Show, es war gerammelt voll. Die PA aus der d&b J-Series deckte den Zuschauerbereich sehr gut ab: zwanzig Lautsprecher pro Seite als Haupt-Arrays, vierzehn für die geflogenen Sidefills und ein Mix aus J-SUB und J-INFRA im Bühnengraben, so dass wir ein cardioides Subwoofer-Konzept hatten. Die wenigen Augenblicke, die ich mich im Zuschauerbereich herumtrieb, genügten, um einen positiven Eindruck zu bekommen. Der Platz war beschallungstechnisch wirklich gut und gleichmäßig abgedeckt. Auf anderen Festivals in diesem Sommer hatten die Subwoofer zuweilen etwas zu wünschen übrig gelassen. Dieses Problem hatten wir hier nicht.

Das System war so konzipiert, dass eine sehr gezielte Schallabstrahlung in Richtung Zuschauerraum sichergestellt war, da es für die Bereiche außerhalb ziemlich strikte Lautstärkebegrenzungen gab. Ich habe so etwas bisher nur sehr, sehr selten getan, aber nach der Show habe ich dem Veranstalter eine E-Mail geschickt und zu diesem System gratuliert. Die Antwort war sehr schmeichelhaft, doch meine Bescheidenheit verbietet es, sie hier zu zitieren (so etwas muss direkt richtig gemacht werden). Alles in allem waren wir sehr zufrieden mit der Kombination aus S3L und J-Series. In diesem Sommer habe ich mit K1-, J- und Adamson-PAs gearbeitet und mit allen großartige Ergebnisse erzielt. Wenn ich mich aber unbedingt entscheiden müsste, wäre die J mein Favorit. Die Lautsprecher werden immer besser. Und es macht so viel Spaß, beim Virtuellen Soundcheck einen Song aufzurufen (ich nehme meist ‚Paradise Circus‘), die Kanäle zu aktivieren und sofort fast genau den Sound zu hören, den man haben will. In Glastonbury hatte ich diese Chance allerdings nicht. Mir blieb gerade noch die Zeit, die Kanäle zu aktivieren, und dann konnte ich nur noch hoffen, dass die Vorbereitungen ausreichend waren und ich mich nicht vor all meinen Kollegen und den 50.000 überzeugten Massive Attack-Anhängern zum Narren machte.

Oft fragen mich die Leute, ob ich vor einer Show nicht nervös bin. Natürlich bin ich das. Aber wenn man nicht wenigstens ein bisschen Lampenfieber hat, ist man auch nicht aufmerksam genug – und sollte sich vielleicht nach einem neuen Beruf umsehen. Der erste Song begann, und von da ab war alles ok. Ich konnte mich entspannen und das Konzert genießen. Tom kam zu mir und meinte, ich hätte noch Headroom. Ich bedankte mich und sagte: „Da kommt noch was.“ Wir hatten eine Pegelbegrenzung von 100-dbA (Leq) über 60 Minuten. Beim ersten Song waren wir bei ungefähr 95 db. Ich sparte mir noch etwas für später auf. „Angel“ lag in der Spitze bei 106, doch insgesamt gelang es mir, fast immer knapp unter dem Limit für meine Show zu bleiben.

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Das Set baute sich immer weiter auf, und die Zuschauer bewegten sich im Takt der Musik und tanzten, kletterten einander auf die Schultern, sangen mit und schwenkten ihre Fahnen und Banner. Als das Konzert begann, ging hinter mir in grandiosen Farben die Sonne unter und trug noch zur Magie des Abends bei. Und das Pult funktionierte einfach großartig. Die Snapshots wurden per Code getriggert, so dass ich mich ganz auf den Mix konzentrieren konnte. Hier und da gab ich ein wenig Delay hinzu, oder Dub-Reverb auf die Snare, und konnte die Songs formen, während sie sich entwickelten. Massive Attack hat diese wunderbar musikalischen Wechsel in der Instrumentalisierung. In einem Moment sind die Stücke voluminös und komplex, um im nächsten Teil wieder auf ein sparsames Synth-Thema oder weiche Glocken-Sounds zurückzufallen. Ich versuche, die Höhepunkte herauszustellen, indem ich zum Beispiel einige der aggressiveren Gitarrenfrequenzen betone, und den ruhigeren Passagen zuweilen durch winzige Details, wie das Wandernlassen der Glocken durch das Stereobild und Stummschalten aller anderen Raummikrofone, etwas Besonderes zu verleihen. All das geschieht live, und die Band spielt so auf den Punkt, dass jeder einzelne dieser dramatischen Momente perfekt ist. Ich habe schon oft in Glastonbury gemischt, aber dieser Auftritt zählt in puncto PA und Mix zu meinen Favoriten.

On Tour with Massive Attack: It Was the Best of Gigs, It Was the Maddest of Gigs

Im Anschluss an das Festival fuhren wir an Stonehenge vorbei, als gerade die Sonne aufging, was das beinahe mystische Feeling, das wir aus Glastonbury mitgenommen hatten, noch einmal verstärkte. Sogar dieser zynische alte Roadie musste zugeben, dass das Ganze etwas Magisches hatte. Ich ließ meine bislang besten Erlebnisse als Tonmann Revue passieren – und meine verrücktesten.

Die besten 4 Gigs aller Zeiten

Platz 4: Auftaktkonzert zur Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika

Wir hatten 12 Avid-Konsolen für die FOH-, Monitor- und Broadcast-Mischungen und ein großartiges Lineup, unter anderem Shakira und die Black Eyed Peas. Eine ganz spezielle Atmosphäre, sehr kurze Umbauzeiten zwischen den Auftritten und 2 Milliarden Fernsehzuschauer auf der ganzen Welt. Viele jubelnde Menschen und eine brillante Britannia Row-Crew. Mein ‚Mittäter‘ Chris Lambrechts und ich an den Pulten. Wir mischten die Bands, rannten herum und halfen anderen bei der Programmierung der Shows, luden Plug-Ins. Wir schliefen eine ganze Woche nicht. So müde war ich noch nie.

Platz 3: Manic Street Preachers – Headliner der Pyramid Stage, Glastonbury 1999

250.000 Menschen waren in dem Jahr in Glastonbury, und ich schwöre, dass sie alle die Manics erlebt haben. Es war ein Meer aus Flaggen und Menschen, das sich über den ganzen Hügel erstreckte. Viele Glastonbury-Fans meinten, es sei die größte Menschenmenge gewesen, die sie jemals vor der Pyramid Stage gesehen hatten. Sogar die Sonne schien an dem Wochenende, wirklich! Bryan Leitch, unser Lichtdesigner, hatte ein riesiges, wassergekühltes Laser-System mitgebracht, mit dem er ein grünes Laser-Dach über den gesamten Zuschauerbereich projizierte. Gänsehaut. Und bei „Design for Life“ und „If You Tolerate This“ sangen alle Zuschauer mit, als hinge ihr Leben davon ab.

Platz 2: Coldplay – Live 8, Hyde Park 2005

200.000 Zuschauer dichtgedrängt im Hyde Park, mit The Who, Pink Floyd, Madonna und U2. Ganz ohne Zeitdruck. Ein Zusammentreffen der ‚ganz Großen‘. Ich mischte auf einer Konsole, mit der ich noch nie gearbeitet hatte, und U2 brauchte die gesamte Zeit, die wir für den Soundcheck hatten, aber alles lief gut. Richard Ashcroft hatte einen Gastauftritt mit der Band, und sie spielten „Bitter Sweet Symphony“, einfach grandios. Dann sang Chris eine wunderschöne Version von „Fix You“, und schon waren wir wieder weg. Es waren nur vier Songs, aber eine beeindruckende Veranstaltung, die Geschichte schrieb.

Platz 1: Manic Street Preachers – Millennium Stadium, Cardiff 1999/2000

Die Millennium-Nacht 1999/2000 im neuen Stadion in Cardiff, der Heimatstadt der Manics. 80.000 verrückte walisische Manics-Fans. Als die Band zum ersten Mal auf die Bühne kam, schrieen die Leute so laut, dass ein warmer Wind mit leichter Bierfahne aus den Kehlen der Menschen über den sehr kalten FOH-Platz hinwegzog. Mir stellten sich die Nackenhaare auf, ich war fast vollkommen überwältigt. Hier waren die drei Jungs, mit denen ich mich beim Fahren abgewechselt hatte, während es in unserem Van zum nächsten Pub-Gig ging. Wir hatten so viel zusammen erlebt, auch einen schrecklichen Verlust. Ich liebte sie wie Brüder, und jetzt wurden sie von einer Welle aus Begeisterung, Energie und Stolz getragen, als sie in ihre Heimat zurückkehrten, um in dieser ganz besonderen Nacht für die Menschen dort zu spielen. Das werde ich niemals vergessen, so lange ich lebe.

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Die 2 verrücktesten Gigs aller Zeiten

Platz 2: Manic Street Preachers, Bangkok 1994

Wir waren für zwei Abende gebucht, in einer großen, leeren Halle eines Konferenzzentrums, fünf Stockwerke über einer Shopping-Mall in Bangkok. Es war die erste Rockband, die jemals dort gespielt hatte. Nur Elton John war dort wohl einmal in einem bestuhlten Saal aufgetreten. Unser Setup war ziemlich verrückt, da wir aus logistischen und Kostengründen kaum etwas von unserem Equipment einfliegen lassen hatten. So kam es, dass als Bassanlage letztlich eine 4 x12er Marshall-Box plus PA-Subwoofer diente. Die JBL-PA, die aus Japan stammte, war einigermaßen brauchbar, und irgendwie bekamen wir es hin. Das einzige, was fehlte, war ein Akai-Sampler, den wir für einige Streicher-Parts brauchten. Der Production-Manager sagte immer wieder: „Gleich kommt, eine Stunde.“ Am zweiten Tag, als nur noch eine Stunde blieb, bis sich die Türen für das Publikum öffneten, wurde ich ein bisschen ungeduldig und wollte genau wissen, was eigentlich das Problem war. Da brach der Typ in Tränen aus und sagte: „Sorry, so etwas gibt es in ganz Thailand nicht.“

Ich fragte ihn: „Aber warum haben Sie mir das nicht gesagt?“

Seine Antwort war: „Weil ich wusste, dass ich Sie unglücklich machen würde.“

Ich dachte nur noch, dass das irgendwie fast schon wieder nett war, und beließ es dabei. Er hatte die Angelegenheit lieber immer wieder hinausgezögert und mich im Ungewissen gelassen, um mir die unvermeidliche, traurige Wahrheit zu ersparen.

Auch Absperrgitter gab es keine vor der Bühne, und man sagte uns, für Elton habe man auch keine gebraucht und wir sollten uns keine Sorgen machen. „Ihnen ist schon klar, dass Sie es hier mit einer Punkband zu tun haben, oder?“ Die Show begann, und 10.000 Thai-Kids drehten völlig durch, als ob sie zum ersten Mal ihre Rock ‘n’ Roll-Dämonen losließen. Innerhalb der ersten acht Takte war die Bühne voller Thai-Punks, mit Pogo und was sonst noch dazu gehört – Crowd-Diving, Surfen auf der moshenden, schreienden Menge und all so etwas. Ein einziges Chaos. Aber ich liebte es, und die Band rockte, was das Zeug hielt, sprang auf der Bühne herum, ging völlig ab und spielte sich die Seele aus dem Leib. So etwas hatte ich noch nie gesehen.

Später erfuhren wir, dass all die Kids, die da gleichzeitig auf und ab sprangen, die Decke des Gastronomiebereichs zum Einsturz gebracht hatten – die sich direkt unter uns befand. Das Gebäude musste evakuiert werden. Dann gab es ein Meeting mit der Polizei, dem Bürgermeister, dem Promoter und ein paar anderen Verantwortlichen. Zum Schluss erlaubte man uns, auch die zweite Show zu spielen. Sie mussten den Boden mit Baustützen sichern und holten die Armee als Security, mit Kalaschnikows und elektrischen Viehtreibern. Ich wurde angewiesen, den Ton herunterzuziehen, wenn das Ganze außer Kontrolle geraten sollte. Deptford John meinte: „Was wirst Du machen, Button, wenn sie Dir sagen, Du sollst den Ton abdrehen?“ Ich meinte nur: „John, die haben Maschinengewehre und Folterwerkzeuge. Ich mache genau das, was sie mir sagen!“

Das Konzert fing an, und sofort begannen ein paar ganz Mutige mit dem Crowd-Surfen – mit dem Unterschied, dass wir dieses Mal eine Reihe kleiner, aber sehr entschlossener Thai-Marines vor der Bühne stehen hatten. Jedes Mal, wenn es jemand bis nach vorne schaffte, wurde er mit dem Viehtreiber außer Gefecht gesetzt und zuckend an den Bühnenrand getragen, vollkommen ohne Kontrolle über den Körper. Chaos. Am Ende des Abends lagen bestimmt hundert Thai-Punks in unterschiedlich desolaten Zuständen am Bühnenrand. Dauerhaft Schaden genommen werden sie wohl nicht haben, glaube ich, aber ein paar neue Jeans brauchten sie wohl schon. Ungefähr nach der Hälfte des Konzerts gab es einen ziemlich denkwürdigen Moment als Nicky Wire in seiner typischen Art eine alles andere als nette Bemerkung über den König losließ. Die Zuschauermasse schien auf einen Schlag die Luft anzuhalten – und dann folgte Stille! Eine unheimliche Stille. Später erfuhren wir, dass der König in Thailand als eine Art Halbgott gilt, sogar für Punks, und dass Wire sie wirklich schockiert hatte. Mehr als die Elektroschocker, die Verletzungen, die sie sich selbst während der Veranstaltung zuzogen, und alles andere.

 

1. Manic Street Preachers – Teatro Karl Marx, Havana, Kuba 1994

Von diesem Konzert werden Sie vielleicht schon mal gehört haben. Gott weiß, dass ich die Story schon unzählige Male erzählt habe. Die Manics hatten in ihrem unnachahmlichen Stil beschlossen, dass sie auf Kuba spielen wollten, aus Solidarität und weil sie wissen wollten, was dort so los ist. Die Plattenfirma wollte damit nichts zu tun haben, also bezahlten sie die ganze Chose aus eigener Tasche. Es war eine wirklich große Sache, denn noch nie war eine westliche Rockband dort aufgetreten, und es wurde sogar in den CNN-Nachrichten darüber berichtet.

Wir hatten die Geschichte natürlich etwas anders erlebt, denn wir betrachteten das Ganze aus der Perspektive eines Roadies. Zuerst einmal mussten wir alles selbst mitbringen, wirklich alles. Es gab nichts, was man für einen Gig gebrauchen konnte. Also charterten wir einen Jet, um alles einfliegen zu lassen, was klein genug war, doch die PA-Stacks und -Racks, Traversen, Lichttechnik etc. kamen mit dem Schiff. Die Sachen aus dem Flieger trafen rechtzeitig ein, doch das Container-Schiff mit dem übrigen Equipment konnte aufgrund des schlechten Wetters nicht durch die Riffs und den Hafen anlaufen. Aber einen Teil hatten wir immerhin und fingen schon mal mit dem Aufbau an. Alles, worum wir noch baten, war eine 100-Ampère-Drehstromleitung und ein paar lokale Helfer, die beim Aufbau tatkräftig mit anpackten.

Die Stromleitung sah dann so aus: Jede Phase bestand aus zwanzig 5-A-Kabeln, die mit den blanken Enden zusammengedreht waren. Als wir erklärten, dass das nicht wirklich das war, was uns vorschwebte, gab es noch eine Überraschung. Für so viel Strombedarf mussten sie die Elektrizität eines ganzen Bezirks in Havana abschalten, und das ginge nur für die Show selbst, teilte man uns mit. Aber selbst das war eigentlich ein hypothetisches Problem, als wir sahen, dass unser ganzes Zeug irgendwo vor dem Hafen in schwerer See festhing. Wir entschieden, für diesen Abend Schluss zu machen und am nächsten Tag wiederzukommen und weiterzuschauen. Aber auch am nächsten Tag war kein Schiff in Sicht. Und am folgenden ebenfalls nicht.

Am Morgen des Tages, an dem das Konzert stattfinden sollte, gab es endlich gute Nachrichten: Das Schiff war in den Hafen eingelaufen und die PA war auf dem Weg zum Veranstaltungsort. Super! Schnell ging es zum Theater – nur um schon wieder stundenlang zu warten. Schließlich tauchte die Anlage doch noch auf, auf uralten Tiefladern. Die lokale Crew, deren Äußeres ein bisschen zu zackig und zugleich martialisch wirkte, um wirklich eine Veranstaltungs-Crew zu sein (Geheimpolizei?), zeigte keinerlei Bereitschaft, die LKW abzuladen. Ich sprach ein wenig Spanisch und versuchte zu erklären, dass die Unterstützung beim Transport des Equipments normalerweise Teil ihres Jobs sei. Sie meinten, dass sie einfach nur hier im Schatten sitzen und Zigarren rauchen würden und so, claro? Ja, klar, ohne Zweifel. Wir mussten also jedes einzelne Flightcase selbst ausladen. Bei 40 Grad im Schatten und extrem hoher Luftfeuchtigkeit. Natürlich ohne Klimaanlage. Und das war noch vor meiner ‚digitalen Wandlung’, die für mich eine echte Offenbarung war, so dass wir mein riesiges, altes Analogpult mitsamt Effekt-Racks bis zum FOH-Platz tragen mussten – über eine Million Stufen, oder so ähnlich. Mann, wir sahen aus wie ein paar durchgeschwitzte Roadies. Egal – zum Schluss hatten wir irgendwie doch alles an Ort und Stelle geschleppt und auf dem Boden aufgestapelt, sogar das Licht. Immerhin gab es genug Strom, um alles Stück für Stück einzuschalten, ein Gerät nach dem anderen.

Am Nachmittag tauchte dann ein Jugendlicher im Teatro auf und fragte, ob er mal Gitarre spielen dürfe. Er erklärte, dass er Rockmusik liebe, sich aber keine elektrische Gitarre leisten könne, sondern nur eine akustische habe. Und er wollte so gerne eine E-Gitarre ausprobieren, nur dieses eine Mal. Deptford wollte ihn schon rausschmeißen, aber James sagte: „Nein, lass es ihn doch versuchen.“ Der Junge hatte all diese faszinierenden Amps und Effekte noch nie gesehen, und es ging ein Leuchten durch sein Gesicht. Dann legte James ihm den Gurt seiner Les Paul um den Nacken, und der Junge grinste und war offensichtlich bereit loszulegen. Strahlend weiße Zähne, offenbar eine gute Gesundheitsversorgung in Kuba – aber E-Gitarren gab es nicht. Der erste Akkord ließ den Jungen rückwärts stolpern, so bliesen ihn die Verstärker weg. Diese Gitarrenanlage ist immer noch die lauteste, die ich jemals gehört habe. Aber dann spielte er sich die Seele aus dem Leib, und wir alle liebten, was da passierte. Wir fühlten, dass wir einen Draht zueinander hatten. Natürlich ließen wir ihn nicht mit leeren Händen nach Hause gehen, und was soll ich Euch sagen: Jetzt gibt es auf Kuba zumindest eine elektrische Gitarre.

Wir machten mit unserem Soundcheck weiter – oder wie man das nennen soll –, und dann saßen wir herum und sahen zu, wie die Zuschauer in den Saal strömten. Das Karl-Marx-Theater ist das größte Theater in Kuba und fasst 5000 Leute. Die jungen Menschen hatten Banner und Flaggen dabei und waren so aufgeregt. Das erste Rockkonzert, das sie oder irgendjemand anderes in diesem Land jemals erlebt hatte. Und die Tickets kosteten 25 Cent! Dann verbreitete sich plötzlich ein unglaubliches Gerücht: Fidel Castro wollte angeblich auch kommen und der Band „Hallo“ sagen. Nein, das würde sicher nicht passieren. Und dann war er da. Groß und aufrecht, in voller Dschungelkämpfer-Uniform, mit Kappe und allem. Ich erinnere mich noch an die sehr scharfe Bügelfalte in seiner Kampfhose, makellos. Er plauderte mit der Band und nannte ein paar ihrer Songs, die er mochte. Unglaublich, dieser Mann hatte mir Che Guevara gekämpft – und kannte Songs von den Manics. Vor allem, so meinte er, mochte er einen Song über Baby Eli, das im Mittelpunkt einer traurigen Familiengeschichte stand und damals in den Nachrichten war. Er fragte, ob die Jungs dieses Stück am Anfang des Sets spielen könnten, da er an dem Abend noch einen anderen Termin wahrnehmen müsste. „Sie werden sich also einen Teil unserer Show ansehen? Echt? Unfassbar!“Nicky warf noch ein, dass wir eine Rockband seien und eine riesige Turbosound-Flashlight-PA aus Großbritannien eingeflogen hätten, und dass er Mr. Castro warnen müsse, weil es wirklich laut werden würde.

Castro musterte ihn, von oben, in seiner ganzen Größe und mit dem dichten Bart, und sagte mit seiner donnernden Stimme: „Mein Sohn, lauter als der Krieg kann das auch nicht werden.“

Ich war also in Havana, das mittlerweile ganz im Dunkeln lag, da wir den gesamten Strom der Stadt für unseren Gig brauchten. Fidel Castro saß hinter mir, wortwörtlich hinter mir, es war niemand dazwischen. Weltweit war der Auftritt in den Nachrichten, und 5.000 jubelnde Kids erlebten das erste Rockkonzert ihres Lebens. Das war nicht nur ein weiterer Tag im Büro … Ich stellte fest, dass all die jungen Leute im Publikum lächelten und ‚El Presidente‘ zuwinkten, als sei er ihr Lieblingsonkel, kein Militärdiktator. „Eh, Jefe, eh, Fidel – Buenos noches!“

Das Konzert war einfach großartig. Die Kids liebten das alles und hatten viel Spaß dabei, mitzusingen und ihre Flaggen zu schwenken. Ein bisschen war es wie eine sehr feuchte, aber sauberere Ausgabe von Glastonbury, wenn ich jetzt so darüber nachdenke. Und ihr Staatsoberhaupt blieb die ganze Zeit dabei, bis zum Schluss. Ich sah wieder über die Schulter und überlegte, was nur in seinem Kopf vorgehen würde? Er hatte ein gütiges Lächeln im Gesicht, saß da und wippte im Takt mit dem Fuß – und hatte offenbar sehr viel Spaß. Das hoffe ich zumindest.

Später am Abend feierten alle noch eine richtig gute Party. Wer würde diese Geschichte glauben, wenn wir wieder nach Hause kämen? Wir schüttelten die Köpfe und fragten uns immer wieder: „Ist das alles hier wirklich passiert?“ Am nächsten Tag stand die Rückreise an, aber beim Frühstück erhielten wir noch eine Nachricht: Bevor wir abreisten, sollten wir noch zum Lunch mit El Presidente erscheinen!!

„Aber was ist mit unserem Flug?“

„Keine Sorge, das Flugzeug wird warten.“

„Äh, … ok.“

Vor dem Essen stand El Presidente Fidel Castro auf, klopfte an sein Glas und bat um Ruhe. Und dann sprach er mit seiner gewaltigen, vollen Bassstimme: „Gestern sagte ich, Ihr könntet nicht lauter sein als der Krieg. Das war ein Irrtum. Ihr wart lauter als der Krieg, und Du, Du …“, er zeigte auf Sean, den Drummer, „Du bist die Artillerie.“

As a live sound engineer, I have been lucky enough to work with some amazing artists including Coldplay, Massive Attack, Manic Street Preachers, Natalie Imbruglia, Richard Ashcroft and Lisa Stansfield. I have also mixed broadcast sound on David Letterman, Saturday Night Live, Jay Leno, the Brit Awards, the MTV Music Awards and the 2010 World Cup Kickoff Concert.