Berlinale 2015: Vom Profi lernen – Masterclass zum Editing von Dokumentarfilmen mit Gesa Marten

Von in Filmproduktion

Jedes Jahr im Februar bringen die „Berlinale Talents“ 300 ausgewählte Nachwuchs-Medienschaffende aus aller Welt (Autoren, Regisseure, Produzenten, Kameraleute, Schauspieler, Redakteure, Verleiher, Production-Designer, Komponisten, Sound Designer und junge Filmjournalisten) mit Experten aus der internationalen Filmindustrie zusammen. Diese kreative Plattform hat sich zu einer der spannendsten Initiativen des an Inspirationen reichen Filmfestivals entwickelt, und ein von der Deutschen Welle jedes Jahr stattfindendes Ausbildungsprojekt wird seit 13 Jahren von Avid unterstützt. In diesem Jahr nutzte Avid darüber hinaus die Gelegenheit, Gastgeber für einen „Networking Lunch“ im Rahmen einer Masterclass der renommierten Editorin Gesa Martens zu spielen.

Als freie Cutterin hat Gesa Marten inzwischen bei mehr als 60 Filmen, darunter „Hannah“ (2006) und „LowLights“ (2009) sowie Dokumentationen wie „perestroika – reCONSTRUCTION of a Flat“ (2008), „Wo stehst du?“ (2011) und „The Order of Things“ (2013) mitgewirkt. Sie ist aber nicht nur als Cutterin aktiv, sondern geht auch in ihrer zweiten Rolle als dramaturgische Beraterin mit dem Spezialgebiet abendfüllende Dokumentarfilme und Dokumentarserien auf. Dabei wurde sie nicht nur oft für Preise nominiert, sondern konnte sich auch über wichtige Auszeichnungen in der Kategorie Best Edit (Deutscher Fernsehpreis, Deutscher Kamerapreis, Filmplus Editing-Preis) freuen. Darüber hinaus ist sie Professorin für Filmbearbeitung an der Filmhochschule Babelsberg Konrad Wolf – und damit genau die Idealbesetzung für eine Masterclass zum Thema Schnitt von Dokumentarfilmen.

“Beim Filmschnitt geht es für mich nicht so sehr darum, Dinge herauszuschneiden, sondern mehr darum, wann man Dinge hineinschneidet.”

Und genau darum war der Raum der dffb (Deutsche Film- und Fernseh Akademie Berlin) auch gefüllt mit jungen Nachwuchs-Cuttern, die sich darauf freuten, aus den langjährigen Erfahrungen von Gesa Marten lernen zu können. Als Fallstudie brachte sie eine ihrer neuesten Arbeiten mit: FEMMEfille von Regisseurin Kiki Allgeier. Der Film handelt von Isabelle Caro, einer französischen Schauspielerin, die durch ihre Magersucht bekannt wurde. Nach der Vorstellung des Films diskutierte Marten mit den Teilnehmern die verschiedenen Handlungsstränge und die Möglichkeiten, die Geschichte der Schauspielerin zu erzählen, sowie die Entscheidungen, die sie treffen musste, um dieser Geschichte einen Rahmen zu geben.

Denn Martens ist der festen Überzeugung, dass auch das Schneiden eines Dokumentarfilms reines Storytelling ist: „Es geht im Grunde genommen um eine Interpretation der Ereignisse und der Charaktere. Man sucht nach den tieferen Zusammenhängen, aus denen die Geschichte besteht, und zwar auf eine sehr subjektive Art und Weise. Man muss sich ständig fragen: Welche Geschichte will ich erzählen?“

“Haltet die Organisation eures Projekts möglichst einfach – denn den Überblick über ihre Dokumentation zu behalten, das wird schon kompliziert genug.”

„Der Schlüssel zur effizienten Bearbeitung eines Dokumentarfilms ist Organisation“, erläutert Marten. „Haltet die Organisation eures Projekts möglichst einfach – denn die Geschichte zu komponieren und den Überblick über Ihre Dokumentation zu behalten, das wird schon kompliziert genug.“ Um das zu verdeutlichen, zeigte Marten, wie gut organisiert ihre Ablage und Ordnerstruktur bei FEMMEfille war.

Dabei arbeitet Marten mit einem ausgeklügelten Karteikarten-System, bei dem jede Karte mit der entsprechenden Farbe für eine Szene steht. Für Marten ist dies ein guter Weg, um den Überblick über die Struktur des Films zu behalten, ohne dabei das Gesamtbild aus den Augen zu verlieren. „Mit diesem System kann ich die Szenen, die wir bereits haben, und ihre Reihenfolge im Film diskutieren. Es ist nicht nötig, sich in zu kleinen Details zu verlieren, die Karten sollen lediglich eine Übersicht geben und dazu beitragen, die Geschichte besser zu machen, indem wir Szenen umstellen.“

Als Marten 1991 ihre Karriere begann, war das erste digitale NLE-System gerade auf den Markt gekommen, und sie arbeitete sich im Laufe der Zeit durch mehr als 10 verschiedene Systeme, bis sie zum Avid Media Composer kam – und blieb. Gesa Marten sieht die von ihr genutzte Software als ihr Werkzeug, ihren „Bleistift“ an. „Ich bin kein Technikfreak, und ich bin nicht an den allerneuesten Funktionen interessiert, obwohl ich die aktuelle Version des Media Composers nutze. Der Hauptgrund, warum ich beim Media Composer geblieben bin, ist leistungsstarke Trim-Tool. Avid hat hier mit Abstand die beste Lösung – das Trimmen auf der Timeline mit so viel Spuren und Clips begeistert mich immer wieder!“

“Es gibt keine festen Regeln zum Editieren von Dokumentarfilmen. Jedes neue Projekt ist anders, und der Stil des Films entwickelt sich während des Schneidens. Es hängt vor allem vom zur Verfügung stehenden Material ab.”

Marten schneidet nur etwa zwei Filme pro Jahr, sodass sie sich fast ausschließlich auf diese Projekte konzentrieren kann. Sie verbindet ihren Beruf mit dem Unterrichten, was sie bereits macht, seitdem sie ihr Studium der Theaterwissenschaften und Philosophie abgeschlossen hat. „Ich möchte junge Cutter unterstützten und ihnen sozusagen die Türen zu meinem Schnittplatz öffnen. Um das auch international tun, um mich zu vernetzen und sehen zu können, wie andere Cutter arbeiten, darum bin ich bei den Berlinale Talents.“

Der beste Rat, den Martens dabei jungen Editoren geben kann, ist „sich nicht auf die Techniken zu konzentrieren, sondern auf das Storytelling. Als Cutter muss man in der Lage sein, das große Ganze eines Projekts zu sehen, ohne es allerdings zu stark zu analysieren. Schaut euren Film an, als wäre er von jemand anderem. Fühlt … schaut nicht auf die Schnitte, sondern auf die Geschichte. Ich finde, ein Cutter muss einerseits sehr emotional und andererseits sehr analytisch sein. Das Geheimnis liegt in dem Wissen, wie man beides optimal kombiniert.“

I'm Social Media Manager for Avid and editor-in-chief of Avid Blogs. You can find me on Twitter at @editorbelga.