Ein Grammy für Kraftwerks neues Blu-Ray-Album „Kraftwerk – 3-D Der Katalog“ — Dolby-Atmos-Raumklang mit Pro Tools

Von in Musik
aufgezeichnet von Mark Ziebarth

Jeder kennt großartige Raumklang-Erlebnisse im Kino. Das neue Kraftwerk-Opus «3-D Der Katalog» hat einen Grammy für das beste Album Dance/Elektronik erhalten. Der Dolby-Atmos-Mix entstand in Pro Tools.

Der Mix-Engineer und Raumklangexperte Tom Ammermann gibt einen Einblick in seine Arbeit am neuen Raumklang-Opus der Elektroniklegende Kraftwerk. Kraftwerk haben acht ihrer Meister-Alben komplett als „3-D-Mischungen“ u.a. in Dolby Atmos wiederveröffentlicht und für diese Produktion sogar einen Grammy gewonnen! Auf den insgesamt vier Blu-Ray-Scheiben gibt es zusätzlich zum Dolby-Atmos-Ton auch noch Headphone Surround 3-D für die räumliche Wiedergabe mit einem ganz normalen Kopfhörer und natürlich „Standard Stereo“.

Die Synthesizer-Band Kraftwerk, die in wechselnden Besetzungen seit 1970 besteht, ist mit ihrem neuen Opus „3-D Der Katalog“ Vorreiter beim Thema Raumklang mit Dolby Atmos. Und letztlich ist es auch logisch, warum Kraftwerk und das neue Klangformat gut zueinander passen: Kraftwerk machten schon in den siebziger und achtziger Jahren elektronische Klänge salonfähig und haben die Hörgewohnheiten im Mainstream nachhaltig verändert. Wer, wenn nicht Kraftwerk, sollte dem Raumklangformat Dolby Atmos zu möglichst viel Aufmerksamkeit verhelfen?

Tom Ammermann, Geschäftsführer des Hamburger Unternehmens New Audio Technology und Erfinder von Headphone Surround ist seit vielen Jahren anerkannter Fachmann zum Thema Raumklang und zusammen mit dem Kraftwerk-Bandmitglied Fritz Hilpert verantwortlich für die Dolby-Atmos-Umsetzung des Projekts. In seinem Luna Studio entstanden die sehr eindrucksvollen Mixe, die auf den vier Blu-Rays verewigt sind.

Tom Ammermann, Geschäftsführer des Hamburger Unternehmens New Audio Technology und Erfinder von Headphone Surround 3-D.

Avid: Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Fritz Hilpert?

Ammermann: Fritz und ich haben uns durch Fritz Fey vom Studio Magazin vor gut drei Jahren kennengelernt. Ich konnte Fritz schnell für 3-D-Audio begeistern. Es ist ein großes Glück, mit jemandem zusammen zu arbeiten, der schon Surround-Erfahrung hat. Meiner Erfahrung nach gehen Musikproduzenten, die nur Stereo kennen, nicht so kreativ mit den Möglichkeiten um. Fritz und ich haben uns da von Anfang an gut ergänzt.

Avid: Wie habt ihr eure Zusammenarbeit organisiert?

Ammermann: Fritz hat in seinem eigenen Studio schon viel vorproduziert. Bei diesem Projekt sind ja nicht alle Spuren der Original-Longplayer verwendet worden, sondern modernisierte Fassungen, die auch Basis des Kraftwerk-Live-Setups sind. Teilweise sind die Titel auch neu arrangiert und mit Improvisationen versehen. Fritz hat aus diesem Material das 7.1.2-Bed vorgemischt und sich überlegt, welche Klänge sich als Objekte im Dolby-Atmos-Mix eignen. Insgesamt haben wir über einen Zeitraum von anderthalb Jahren zirka 50 Tage bei mir im Luna Studio gesessen und die Dolby-Atmos-Mixes erstellt.

Im Luna Studio von Tom Ammermann in Hamburg wurden die Atmos-Mixe für die Blu-Rays erstellt.

Avid: War der Bed-Mix dann schon fertig? Und wie viele Objekte habt ihr durchschnittlich pro Song verwendet?

Ammermann: Nein, der Bed-Mix war nur vorbereitet. Das Nuendo von Fritz mit dem Mix des Beds lief synchron zum Pro Tools, in dem wir den Atmos-Mix erstellt haben. Sobald man beginnt, Objekte durch den Raum zu schicken, ergeben sich automatisch Änderungen am Bed-Mix. Pro Song haben wir nie mehr als vier oder fünf Objekte verwendet, weil es sich bei Musik-Mixes nicht unbedingt empfiehlt, möglichst viele Signale durch den Raum zu bewegen. Sonst wird es irgendwann Effekthascherei.

Avid: Ich stelle es mir schwierig vor, die zirka 25 Titel über einen so langen Zeitraum zu mischen. Denkt man da am Ende nicht, dass die ersten Titel ruhig noch einmal überarbeitet werden sollten?

Ammermann: Fritz hat nicht Titel für Titel abgearbeitet, sondern er ist sehr viel zwischen den Titeln hin und her gesprungen. So flossen neu gewonnene Erfahrungen immer gleich in alle Mixes ein und am Ende waren fast alle Titel zur gleichen Zeit fertig.

Avid: Mich würden Beispiele interessieren, welche Klänge ihr als Objekt definiert und im Raum bewegt habt.

Ammermann: Zum Beispiel bei Numbers. Da wird ja gezählt und im Video fliegen diese Zahlen auch durchs Bild. Das ist natürlich ein Heimspiel, wenn es einen optischen Bezug gibt. So ähnlich hat Fritz es auch bei Trans Europa Express gemacht und hat die Zuggeräusche mit dem Bild durch den Raum gezogen. Bei Boing haben wir auch einige Objekte aus der Mouth-Percussion erstellt und akribisch durch den gesamten Raum bewegt. Im Titel Vitamin hat Fritz ganz wilde Sachen mit Delay-Effekten veranstaltet, das finde ich wirklich atemberaubend.

Der Dolby 3D Panner

Avid: Sind denn alle Signale, die aus den Lautsprechern oben oder hinten kommen, immer automatisch Objekte gewesen?

Ammermann: Nein, ganz unterschiedlich. Viele statische Routings auf die Surrounds hat Fritz auch im Bed vorgenommen. Objekte bieten sich nur dann an, wenn ein Element im Raum bewegt werden soll.

Avid: Ich stelle mir die Automation der Objekte in Pro Tools kompliziert vor. Wie seid ihr da vorgegangen?

Ammermann: Das war tatsächlich nicht ganz trivial. Zum Zeitpunkt der Mischungen gab es noch kein Dolby Atmos direkt in Pro Tools. Wir haben also mit der Dolby RMU gearbeitet. Für das Panning verwendet man dann ein Plug-in von Dolby, das den dreidimensionalen Panner ersetzt und auf jeder Spur insertiert wird, die im Raum bewegt werden soll. Wir hatten mit der Bedienung keine Probleme.

Avid: Ist die Kinomischung auch bei dir im Studio entstanden?

Ammermann: Nein, das haben wir in einem Mischkino der Arri in München gemacht. Basis war natürlich unsere Blu-Ray-Mischung, aber im Kino klingt’s doch nochmal anders. Aufgrund der Vielzahl an Lautsprechern im Kino müssen manche Pannings optimiert werden. Allein die Raumgröße und die Größe der Leinwand führen zu einer anderen Wahrnehmung, sodass wir noch einmal sieben Tage geschraubt haben. Auch für die Headphone-Surround-Mischungen, die mit allen Tonträgern ausgeliefert werden, habe ich unsere Atmos-Mixes als Basis genommen. Das Bed habe ich dafür in einen sehr trockenen Raum virtualisiert und die Objekte in einen größeren. Das verstärkt den Raumeindruck der Objekte und ist einer meiner liebsten Tricks.

Vielen Dank für das Gespräch, Tom.

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Thomas Wendt is a producer and engineer turned journalist and marketing expert. Since 1998 his company Integrative Concepts serves A-List clients from the MI and Pro Audio industries with communcations and marketing services.