Live-Spektakel mit Deichkind und VENUE | S6L

Von in Live Sound

,,Leider geil!“ ist der Titel eines weithin bekannten Songs von Deichkind, und die zeitgeistige Alternativformulierung zu „cool“ hat so schnell ihren Einzug in die Umgangssprache gefunden , dass sie 2012 in Österreich sogar als „Jugendwort des Jahres“ zu offiziellem Ruhm gelangte. Auch sonst hat das Projekt um die drei Rapper Kryptik Joe, Ferris und Porky seine Spuren in der deutschsprachigen (Musik-)Landschaft hinterlassen: Eine wilde Mischung aus HipHop und Electropunk, welche die Musiker als Tech-Rap bezeichnen, begeistert Fans ebenso wie bewusst plakativ formulierte Texte mit satirisch-kritischen Untertönen.

Die Live-Shows von Deichkind gehören mit zum spektakulärsten, was auf deutschen Bühnen zu sehen ist, Markenzeichen sind dabei sowohl skurrile Outfits mit LED-beleuchteten Dreieckshüten, als auch mobile, per WLAN fernsteuerbare Bühnenpodeste („Omnipods“). Fester Bestandteil der Live-Shows ist das gemeinsam mit dem Publikum zelebrierte Crowdsurfing – ein beidseitiges Vergnügen, für das bei Deichkind gerne ein Schlauchboot oder ein XXL-Fass bemüht wird.

Der FOH-Platz bei Deichkind wird seit dem Jahr 2009 von Udo Böckmann betreut und auf der aktuellen Tour kommt auch erstmals mit der VENUE | S6L eine Avid-Konsole zum Einsatz. Wir haben uns am Rande des Konzerts in der Kölner Lanxess Arena mit Udo Böckmann unterhalten.

Ausverkaufte Hallen überall – Deichkind laden ein zur großen Party

Udo, wie bist Du an den FOH-Job bei Deichkind gekommen?

Der frühere Deichkind-Produzent Sebastian „Sebi“ Hackert hatte mich vor einigen Jahren ins Boot geholt, um für eine anstehende Tour die PA-Planung zu übernehmen. Ich war daneben auch schon als FOH-Betreuung bei Hamburger Konzerten für ihn aktiv. Den Musikern war ich auch durch meine Arbeit in Hamburger Clubs wie dem „Übel & Gefährlich“ bekannt. Nach dem plötzlichen Tod von Sebi hat mich die Band dann gefragt, ob ich den FOH-Job übernehmen würde.

Ich bin zwar kein ausgewiesener HipHop-Spezialist (wie man vielleicht vermuten könnte …), sondern habe in der Vergangenheit mit Bands ganz unterschiedlicher Genres zusammengearbeitet. Aber auch Deichkind ist ja schon lange keine HipHop-Band im klassischen Sinne mehr, wenngleich sich die Performances und die Vocal-Styles immer noch an diesem Genre orientieren. Die Musik von Deichkind aber ist inzwischen ein Konglomerat aus verschiedensten Styles elektronischer Musik.

Udo Böckmann mischt FOH bei Deichkind seit 2009

Wieso hast Du Dich auf dieser Tour für eine VENUE | S6L entschieden?

Wir haben uns vor der Tour einige aktuelle Pulte für den FOH-Einsatz angeschaut und überlegt, welche Features in unserem Kontext besonders wichtig sind. Wir wollten unbedingt mit Plug-ins arbeiten und Möglichkeiten wie Sidechain-Komprimierung, Multiband-Kompression und M/S-Bearbeitung nutzen. Alles naheliegende Aspekte, wenn es um das Glue-ing von Playbacks und Vocals geht. Bei der von uns zuvor genutzten Digitalkonsole war zum Beispiel trotz Third-Party-Plug-ins keine Sidechain-Komprimierung möglich.

Ein weiterer Aspekt war die haptische Auslegung des Pultes, etwa mit seinen 32 Push-Encodern pro Screen. Als ich das Pult im letzten Jahr bei TDA Rental zum ersten Mal in Augenschein genommen habe, merkte ich schnell, welch umfassende Chancen sich hier für individuell zugeschnittene Pult-Layouts bieten und auch die Bedienung ging mir flink und komfortabel von der Hand. Letztlich hat uns das Konzept der VENUE | S6L überzeugt, weil es schlicht und ergreifend so aussieht, als ob man die Aufgaben der kommenden sechs bis sieben Jahre sehr gut mit diesem System bestreiten könnte.

Was ist für Dich als FOH-Mann das besondere an einer Deichkind-Show?

Deichkind geht ja nicht mit einer klassischen Band auf Tour, sondern die Musik wird von einem auf der Bühne befindlichen Playback-System wiedergegeben und die Rapper zelebrieren ihre Show dazu.

Bei Live-Auftritten von HipHop-Acts kann man oft hören, dass extrem fett produzierte Playbacks zum Einsatz kommen, während Rap-Vocals demgegenüber oftmals nicht integriert klingen – mich persönlich erinnert das immer an „Punk trifft High-Quality“. So etwas möchte ich bei Deichkind nicht hören – vielmehr sollen Playback und Vocals gemeinsam ein stimmiges Bild ergeben und einander auch in einer Live-Show klangästhetisch ebenbürtig sein. Nicht zuletzt deswegen verwende ich sehr viele Effekte, da geht es vornehmlich um Verbreiterung, Modulation und Delays.

 

Wie viele Mikrofone kommen bei Deichkind zum Einsatz?

Zum Stereo-Playback gesellen sich die Funkmikrofone der drei Rapper sowie ein ebenfalls drahtlos betriebenes Performance-Mic, das bei einzelnen Titeln von unterschiedlichen Akteuren genutzt wird. Eine Besonderheit ist die so genannte „Klöter-Ziege“: Die aus diesen Mikrofon kommenden Signale werden grundsätzlich mit einem High-Pitch-Effekt versehen – ein entsprechendes Plug-in ist dem Signalweg fest zugewiesen. Genutzt wird die „Klöter-Ziege“ von einem Tänzer für Shouts bei Titeln wie „Leider geil“ oder „Remmidemmi“. Ein weiteres Mikrofon nimmt vergleichbare Aufgaben wahr, ist jedoch fest mit einem Low-Pitch-Effekt verbandelt. Insgesamt befinden sich so bei den Live-Shows von Deichkind sechs drahtlose Mikrofone im Einsatz.

Außerdem kann ich während der laufenden Show in ein Kommando-Mikro Kommentare abgeben, welche gemeinsam mit der Musik in Pro Tools aufgezeichnet werden – mit der Funktion „Strip Silence“ können die Anmerkungen im Nachgang komfortabel angefahren werden. Die wichtigsten Informationen werden notiert und als eine Art „Manöverkritik“ per Mail an Deichkind-Sänger/MC Philipp Grütering weitergeleitet. Intensiv kommuniziert wird auch mit Deichkind-Regisseur Henning Besser, der seinen Regieplatz am FOH direkt neben mir hat und die Musiker während der Konzerte über deren In-Ear-Systeme erreichen kann.

„Die S6L klingt fantastisch und verfügt über eine wahnsinnig gute interne EQ-Sektion. Die direkte Pro Tools-Anbindung macht Recording und Virtual Soundcheck zum Kinderspiel.“ 

– Udo Böckmann, FOH Engineer Deichkind

Welche Plug-ins nutzt Du konkret zur Bearbeitung der Stimmen?

Sättigungseffekte liefert ein Crane Song Phoenix II. Der SPL De-Esser kommt ebenso wie der Oxford SuprEsser zum Einsatz, und komprimiert wird unter anderem mit Smack!. Der Brainworx bx_saturator trägt ebenfalls einen Teil zum Sound bei. Als Equalizer schätze ich den Maag Audio EQ4 sowie den Sonnox Oxford EQ mit GML-Option. Für Multiband-Kompression kommt das Avid Plug-in Pro Multiband Dynamics zum Einsatz. Das ebenfalls S6L-interne Mod Delay III übernimmt momentan fast alle pultintern generierten Modulations- und Delay-Aufgaben.

 

Neben Plug-ins setzt Du aber auch noch Hardware-Effekte im Siderack ein…

Ja, ich verwende einen Empirical Labs Distressor EL8-X in der Vocal-Summe, welche alle Mikrofone mit Ausnahme der High- und Low-Pitch-Mics umfasst. Davor sitzt im Signalfluss ein BSS Audio DPR-901 II Dynamikprozessor mit vier Bändern. Für Delay-Aufgaben schätze ich den Klang des TC Electronic D-Two. Ich habe zwei dieser Geräte im Rack, die sehr „spatial“ und überhaupt nicht zweidimensional klingen. Die Programme der TC-Geräte werden via MIDI über Pult-Snapshots umgeschaltet. Ein Eventide H3000 DS/E Ultra-Harmonizer wurde von mir früher für Pitch-Effekte eingesetzt, die mittlerweile allerdings mit einem Plug-in im Monitorpult erzeugt werden: Ein VENUE | Profile generiert dort Pitch-Effekte mit einer zu vernachlässigenden Latenz, so dass man sie problemlos auf die In-Ear-Systeme der Musiker geben kann. Die Effekt-Returns werden vom Monitorplatz an das FOH-Pult geschickt. Der Eventide-Prozessor produziert bei Deichkind aktuell noch einen Dual-Shift-Effekt – die Eventide-Plugs im S6L zu haben, wäre ein Traum! Abgerundet wird die Ausstattung meines Sideracks durch einen Rack-Frame für 500er-Module, in den Produkte diverser Hersteller eingeschraubt sind. Ich probiere während der Tournee unterschiedliche Module aus, und auch am Monitorplatz sind mehrere externe Preamps für die Vocals im Einsatz, die wir freundlicherweise von Apke Tontechnik zum Testen zur Verfügung gestellt bekommen haben.

Plug-ins spielen eine wichtige Rolle für den perfekten Deichkind-Sound

Was hat Dir nach erfolgreich beendeter Tournee an der S6L am besten gefallen?

Zuerst die grundsätzliche Auslegung des Surface, die ich als sehr angenehm empfinde. Zum anderen klingt die S6L fantastisch und verfügt über eine wahnsinnig gute interne EQ-Sektion! Der Equalizer ist sehr griffig, kommt dabei aber ohne aggressive Komponenten aus. Nach kurzer Eingewöhnung freut man sich über ein gut kontrollierbares Surface, so dass man beim Wesentlichen, beim wirklichen Mischen bleiben kann. Die direkte Pro Tools-Anbindung macht Recording und Virtual-Soundcheck zum Kinderspiel, das fand ich von Anfang an top!

Die S6L war vor der Tour noch relativ neu am Markt, und wie bei neuen Produkten üblich, war bezüglich der Software noch nicht alles komplett ausgereift, was nicht heißt, dass ich die Deichkind-Show nicht komfortabel habe einrichten und mischen können – will sagen: Kritik auf hohem Niveau. Da ich das Pult in der Vorbereitungszeit zur Tournee ausreichend testen konnte, wusste ich auch, worauf ich mich softwareseitig einlasse. Während der Tournee gab es dann kurzzeitig Probleme mit der Hardware des Surfaces. Aber großes Lob an den perfekten Support von Avid:  ein direkt eingeflogener Techniker konnte das Problem dann noch vor dem Gig lösen.

VENUE | S6L ist da!

The Next Stage in Live-Sound: Mit dem preisgekrönten VENUE | S6L-System meistern Sie auch die anspruchsvollsten Produktionen.

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As Marketing Manager Audio one of my most exciting responsibilities is to work with customers and artists from music production and live sound up to big film mixing studios.