Fatness und Wärme: Moritz Enders und die Produktion von Silbermond

Von in Musik, Pro Mixing

Silbermond gehören seit vielen Jahren zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Bands. Für ihr gerade erschienenes neues Album „Leichtes Gepäck“ haben sie sich nicht nur für ein neues Produzententeam und einen neuen Sound entschieden, sondern wollten auch bei den Aufnahmen schon vieles anders machen. Einer der Produzenten war Moritz Enders, der vielen vermutlich vorrangig als Mischer so erfolgreicher deutscher Künstler wie Casper („Hinterland“), Kraftklub („Mit K“) und Unheilig („Gipfelstürmer“) bekannt ist, deren Alben er mit seinen Mixes zu Platin-Status verholfen hat.

Gemischt wurde das Album in Moritz Enders neuem Berliner Studio, dessen Herzstück neben neben vielen analogen Outboard-Schätzchen ein Pro Tools | HDX System mit der neuesten Pro Tools Software 12.3 ist.

Im Interview berichtet Moritz vom Entstehungsprozess des Albums, der Abstimmung zwischen allen Beteiligten, seinem analog-digitalen Hybrid-Workflow und seinen Lieblings-Plug-ins.

Moritz Enders in seinem neuen Studio

Moritz, wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Silbermond?

Dazu muss man zunächst erläutern, dass ich das Album nicht alleine, sondern gemeinsam mit Alexander Freund und Thomas Stolle, dem Gitarristen von Silbermond, produziert habe. Alex ist schon seit seiner Zeit mit „P:LOT“ mit der Band befreundet, sie waren auch zusammen auf Tour. Wir haben uns Karneval 2009 kennengelernt, als wir zusammen gefeiert haben, und sind seitdem immer wieder in Kontakt. Als Silbermond dann für das Album auf der Suche nach einem Produzenten waren, haben wir eine Testsession zusammen gemacht und gemerkt, dass die Zusammenarbeit super funktioniert.

Wie sah die Aufteilung im Produzententeam konkret aus?

Produzieren heißt Entscheidungen treffen. Deshalb war es für uns sehr wichtig, dass jeder einen klar definierten Aufgabenbereich hat. Thomas war als Haupt-Songwriter der Band für das Schreiben und Ausarbeiten der Songs verantwortlich, Alex für die Arrangements. Ich habe mich um die Studioseite der Produktion und das Technische gekümmert. Hierbei hat es sicher auch geholfen, dass Stefanie (Stefanie Kloß, Sängerin von Silbermond, die Red.) und die Jungs schon seit vielen Jahren als Band zusammengewachsen sind und jeder weiß, was er zu tun hat und dass er sich auf die Kollegen verlassen kann.

Besonderes Augenmerk bei Silbermond bekam die Drum-Mikrofonierung im Blackbird Studio

Ihr habt einen Teil der Aufnahmen in Nashville durchgeführt…

…das war wirklich eine Wahnsinnserfahrung für uns alle. Die Blackbird Studios sind legendär und es war super, hier gemeinsam die Basic Tracks aufzunehmen. Anschließend haben wir noch parallel in zwei Studios in Berlin weiter an den Songs gearbeitet und einiges verfeinert. Ich habe in meinem Studio bereits gemischt, während die anderen weitere Takes oder zusätzliche Spuren im bandeigenen Studio aufgenommen haben, vor allem bei den Vocals. Obwohl wir die meisten finalen Vocals in Berlin aufgenommen haben, sind auf dem Album aber auch noch einige Demo-Aufnahmen aus Nashville zu hören, weil es dort einfach besondere Momente gab, die man so nicht rekonstruieren kann.

Auf welche Produktionsplattform habt ihr Euch als Produzententeam einigen können?

Die Entscheidung war relativ einfach: Da ich derjenige war, der das Ganze am Ende auch mischen sollte, war für mich klar, dass nur Pro Tools in Frage kommt. Ich arbeite in meinem eigenen Studio auf einem Pro Tools | HDX-System, und auch in Nashville hatten wir Pro Tools auf dem Laptop dabei. Dort habe ich dann auch direkt nach den einzelnen Aufnahmesessions Stems erstellt, damit wir alle schon einen Eindruck von den Songs bekommen und gut daran weiterarbeiten konnten. Die Vocals wurden später teilweise in einem anderen System aufgenommen, die habe ich dann aber in meine Pro Tools Sessions integriert habe.

Pro Tools | HDX inmitten von analogen Schätzchen

“Gerade bei Routine-Aufgaben und Shortcuts ist es wichtig, mit der DAW gut vertraut zu sein, von daher gab es für mich beim Workflow keine Alternative zu Pro Tools. Und mein Pro Tools | HDX klingt einfach toll, ist rock solid und nicht in die Knie zu zwingen”

Moritz Enders über Pro Tools

Welche sind für Dich die Hauptgründe mit Pro Tools zu arbeiten?

Ich war vor eine paar Jahren längere Zeit in LA und habe dort Pro Tools kennen und lieben gelernt. Es ist dort einfach gesetzt und andere Programme sind so gut wie nicht existent. Gerade bei Routine-Aufgaben und Shortcuts ist es wichtig, mit der DAW gut vertraut zu sein, von daher gab es für mich beim Workflow keine Alternative zu Pro Tools. Und mein Pro Tools | HDX klingt einfach toll, ist rock solid und nicht in die Knie zu zwingen.

Ich arbeite auch bereits mit der Version 12.3 und mit der neuen Commit-Funktion ist ein großer Wunsch in Erfüllung gegangen. Ich habe schon lange auf die Funktion gewartet und finde sie extrem gut gelungen. Für mich ist es vor allem für Projekte praktisch, bei denen ich nachher Sessions oder einzelne Spuren an verschiedene Partner schicken muss. Dort kann ich dann die Einzelspuren genauso rüberschicken, wie meine Kunden es brauchen, und muss mich nicht darauf verlassen, dass sie auch die entsprechenden Plug-ins haben oder die Software kompatibel ist. Das erspart mir auf jeden Fall einiges an Aufwand.

Dein Studio ist aber auch voll mit analogen Schätzchen…

Das stimmt, obwohl ich das Studio neu eingerichtet habe, bin ich hier sehr analog unterwegs. Ich denke, dass jeder für sich den optimalen Workflow finden muss. Früher war es noch so, dass es einen gewissen Hardware-Standard gab, den jedes große Studio erfüllen musste. Heutzutage sind die Studios vielfältiger, was es schwieriger macht, als Produzent oder Engineer in fremden Studios zu arbeiten. Für viele ist dann der Rechner mit der DAW der Punkt, an dem alles zusammen läuft. Und auch hier ist Pro Tools Pro Tools | HDX der beste Partner für mein analoges Outboard.

Für mich als Mischer ist es wichtig, dass die Künstler mir vertrauen, weil ich derjenige bin, der die Songs zum Mastering rausschickt. Deswegen setze ich nicht auf ein mobiles Setup, wie viele andere gerade, sondern brauche meinen Raum, in dem ich mich auskenne und wohlfühle. Außerdem ist es für mich extrem wichtig, im Raum rumlaufen zu können und eine gewisse Haptik zu haben. Ich würde durchaus gerne mal die Pro Tools | S6 ausprobieren, die die Haptik des Mischens in Pro Tools weiter fördert und diese nicht nur auf Keyboard und Maus reduziert wird.

Für den Mix bevorzugt Moritz eine aufgeräumte Session mit Stems

Wie sah der Songwriting- und Aufnahmeprozess bei „Leichtes Gepäck“ aus?

Für die Band war der Aspekt der Weiterentwicklung sehr wichtig, daher auch das neue Studio und das neue Produzententeam. Oftmals hatten Thomas und Stefanie anfangs nur grobe Skizzen der Songs mit Chorus oder Verse. Alex hat dann viel Zeit mit der Band im Proberaum verbracht und an den Arrangements gearbeitet. Ziel war es, die Grundstruktur in markante und interessante Sounds umzusetzen. Dabei wollten wir nicht einfach möglichst viele Sachen übereinanderstacken, sondern die Songs auf ihre Basics reduzieren und dann Akzente setzen. Das kann mal ein simpler Beat sein, der dadurch interessant wird, dass er anders gespielt oder aufgenommen wird, oder auch eine Gitarre mit markantem Sound. Ganz nach dem Motto „keep it simple“, dafür dann mit coolen Performances überzeugen. Auch Stefanies Stimme als Wiedererkennungsmerkmal der Band sollte natürlich ganz bewusst weiterentwickelt werden, und zwar nicht nur soundtechnisch, sondern auch inhaltlich. Dazu haben wir beispielsweise bestimmte Wörter für die Texte gesucht, die sonst in der deutschen Popmusik eher nicht genutzt werden, und die neuartige Bilder erzeugen können.

Stichwort Stimme: Wie hast du dort als Produzent die angesprochene Weiterentwicklung vorangetrieben?

Bisher stand Stefanies Stimme immer relativ trocken, alleine und laut da. Wir wollten ihrer Stimme also einen etwas anderen Charakter geben, weil man sie in der „trockenen“ Variante schon so oft gehört hat.

Dabei haben wir verschiedene Sachen ausprobiert. Beim Intro („Die Mutigen“) haben wir beispielsweise ganz bewusst die Stimme eins zu eins gedoppelt, sprich zwei Performances, komplett gleich laut und nur ein bisschen Panning eingesetzt. Bei anderen Songs haben wir auch krassere Effekte wie Verzerrer, Tape Delays usw. genutzt.

Als Produzenten mussten wir die Band schon manchmal etwas bremsen, damit die Stimme nicht zu stark bearbeitet wird, noch klar erkennbar bleibt und die Inhalte klar transportiert werden.

Für mich ist es immer super wichtig, dass Vocals eine gewisse Fatness und Wärme haben. Dazu nutzte ich meistens das Phoenix Plug-in von Crane Song, gerne auch in den dunkelsten Settings Opal und Dark Essence. Das ist auch beim aktuellen Album auf fast jedem Track drauf. Für mich ist das nach wie vor das Plug-in, das für Vocals und Harmonic Distortion am besten funktioniert.

Damit lege ich die Basis für den Vocal-Sound. Die Spuren gehen dann bei mir ja wieder raus in die „analoge Welt“, wo ich mit Röhrengeräten wie dem LA-2A oder Retro Instruments 176 den Charakter weiter herausarbeite. Anschließend nehme ich die Spuren direkt wieder in Pro Tools als Stems auf.

Die richtigen Effekte kommen allerdings fast immer aus dem Rechner als AAX-Plug-Ins. Meine Favoriten dabei sind die Klassiker wie Soundtoys Echoboy oder UAD-Plugins (Plate, Space Echo). Das Schöne an Plug-in-Ketten für mich ist, dass man noch so viel am Sound herumspielen kann, um genau den Sound und Charakter zu erreichen, den man sich vorgestellt hat.

Pro Tools | First

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As Marketing Manager Audio one of my most exciting responsibilities is to work with customers and artists from music production and live sound up to big film mixing studios.