Stefan Holtz mischt FOH mit S6L für die Toten Hosen

Von in Live Sound, Pro Mixing

Wir treffen Stefan Holtz zum Gespräch in der Barclay Card Arena Hamburg. Beim Betreten der Halle ist der Soundcheck schon in vollem Gange. Holtz beendet gerade seinen Virtual Soundcheck mit der Show vom Vortag. Die Bühnen-Crew startet anschließend umgehend den Line-Check mit ihm. Danach hat er 20 Minuten Zeit für uns bis schließlich der „echte“ Soundcheck mit der Band losgeht.

Stefan Holtz ist FOH Engineer und System Tech. Seit der Westernhagen Unplugged Show im Herbst 2016 ist Stefan immer wieder mit der S6L unterwegs.

Stefan, das letzte Mal sprachen wir anlässlich der Westernhagen MTV unplugged Show, die Du gemischt hast. Und das war auch eine der ersten Shows für Dich mit der S6L. Nun knapp ein Jahr später und nach verschiedenen Touren, jetzt mit den Hosen, was kannst Du zu deinen Erfahrungen mit dem Pult sagen?

Nachdem ich die letzte Tour mit den Hosen und auch die großen Festivals mit der S3 gemischt habe, einfach weil es geht und weil sie es kann, ist es jetzt natürlich wesentlich komfortabler: mit 32 Fadern, einer großen Oberfläche. Das klingt jetzt nicht unbedingt gleich viel besser, aber die Arbeit, das Mischen, macht wesentlich mehr Spaß. Wobei ich doch sagen muss, dass der Soundunterschied zwischen der S3 und der S6L deutlich ist. Nur ist ein „in the face“ Rock Act wie die Hosen etwas Anderes als z. B. eine unplugged Show. Dort fällt die höhere Auflösung aufgrund der filigraneren Signale viel extremer auf. Die S6L stellt diesbezüglich einen gigantischen Schritt dar, mit ihren 96 kHz klingt sie wahnsinnig offen, besonders in den oberen Frequenzen. Was mich auch immer wieder beeindruckt ist, wieviel Platz in dem Bus dieser Konsole ist. Man schafft es kaum, dass dort mal etwas überfahren wird. Ansonsten habe ich ja schon im letzten Jahr vieles zur S6L gesagt, wobei sie kontinuierlich upgedatet wurde und immer wieder neue Funktionen dazu gekommen sind, die unter Umständen noch gefehlt haben (wie z. B. die MADI Karte – obwohl ich selbst keinen Waves-Server betreibe).

Was ich viel benutze sind Automationen die nun zur Verfügung stehen. Auch auf der Event-Ebene geht nun viel mehr. Man kann viel mehr Sachen im Pult als Trigger verwenden: Zum Beispiel kann man jetzt dynamisch EQs bauen. „Wenn ich dieses Solo lauter fahre, +3db mit dem Fader, dann mach doch gnädiger Weise ein paar Höhen weg …!“ – Solche Dinge kann ich nun komfortabel auf dem Pult automatisieren. Diese Features sind ziemlich einzigartig, die kenne ich, zumindest in der Form, von keinem anderen Pult.

Außerdem ist das System stabil, ich hatte nie Stress damit. Es gab zwischendurch mal kleinere Bugs die mir jedoch nie aufgefallen sind. Wenn man sich einfach an seine Routinen hält und keinen Unsinn macht, kein eiskaltes Pult aus dem Truck holt und sofort einschaltet, sondern es erst einmal warm werden lässt, seine Show neu lädt, wenn man das Pult neu gestartet hat etc., hat man auch einfach weniger Stress damit. Ich habe keine neuen Bugs gefunden – und ich suche, wirklich!

Neben der S6L, an deinem Pro Tools Siderack sehe ich noch eine S3, welche Aufgabe hat das Pult?

Die S3 ist wirklich nur als Spare-Pult dabei. Nicht weil ich der S6 nicht traue, sondern weil ich dem Publikum nicht traue. Man kann die Show ja nicht abbrechen, wenn mal ein Bierbecher in die falsche Richtung fliegt und ich nicht schnell genug bin und dem Pult etwas passiert. Eine zweite S6L mitzunehmen wäre eine Option, braucht aber auch Platz und wir haben ja bewiesen, dass es mit der S3 auch geht. Es würde sicher anders klingen, wenn wir umschalten müssten, aber es geht weiter und darum geht’s.

Unter der S3 gibt es auch noch etwas Outboard, was hast du dabei, dass du offensichtlich nicht missen willst?

Das sind in der Tat Sachen, die ich nicht missen will. Die es zum Teil auch gar nicht als Plug-In gibt oder zumindest nicht als eins, das auf der S6L laufen würde. Da ist zum Beispiel ein Manley Elop, ein optischer Kompressor, den ich für Campino benutze. Dann gibt es den Vertigo VSC II als Summenkompressor, zwei KuSh Audio Tweaker für die Schlagzeug-Bass Summe, dann noch einen Manley Pultec EQ für Schlagzeug-Bass, ein Bricasti M7 Reverb und einen KuSh Audio Clariphonic zum Höhen auffrischen in der Summe. Das sind die Geräte, die ich in Variationen immer gerne dabei habe.

Für mich ist es wichtig gleichzeitig die Meter und das was die Kompressoren machen sehen zu können. Das ist etwas, das bei der S6 bzw. allen Digitalpulten, die mit internen Plug-Ins oder mit dem Waves-Server arbeiten zu eigen ist: man sieht nicht was die Plug-Ins machen. Du siehst immer nur das eine, dass du offen hast. Du siehst die Gainreduction in den Kanälen nicht, nicht in den Summen. Man kann das entweder so machen wie Klaus Scharff (u.a. FOH Fanta 4) und sich ein Pro Tools System danebenstellen und die Plug-Ins dort aufmachen um sie alle gleichzeitig zu sehen, oder man nimmt, wie ich, Hardware für die wichtigen Signale wie die Stimme, Schlagzeug/Bass und die Summe, um ständig zu sehen was da passiert. So mische ich nicht in irgendwelche Kompressoren hinein und verrenne mich dann im Mix. Deswegen habe ich relativ wenig Dynamikbearbeitung in den internen Plug-Ins. Da nehme ich lieber den Kanalkompressor, den mir das Pult anzeigt.

Welche Plug-Ins nutzt Du?

Mein meist benutztes Plug-In ist der TimeAdjuster für ein reines Delay Panning. Ich habe mir jeden Kanal als Stereokanal angelegt, mit gleichen Input für beide Seiten. Ich nehme den TimeAdjuster um das Signal in der Zeit ein wenig hin und her zuschieben, so dass die Seite die früher kommt, die Seite ist wo man das Signal ortet. Je nachdem wie groß der Zeitversatz ist, kann man das Signal von links nach rechts weit spreizen. Das hat dann den großen Vorteil, dass aus jedem Lautsprecher ein vollständiger Monomix kommt, denn in so einer Halle gibt es viele Orte wo man nur einen Lautsprecher hört. Würde man wirklich Stereo mischen, wären an diesen Orten die Signale auf der anderen Seite einfach komplett weg. Man würde also auf der rechten Seite die linke Gitarre gar nicht oder nur leiser hören – das ist bei uns nicht so. Die sind beide gleich laut und kommen nur zu unterschiedlichen Zeiten an. In so einer Halle gibt es ohnehin nur wenige Zuschauer die wirklich in der Mitte stehen.

Meine Reverbs sind bis auf den Bricasti M7 Hall alle intern, meistens nutze ich den Reverb2. Dann benutze ich ein bisschen was von McDSP, den AE600 Dynamic EQ, den Ulimate ChannelStrip mit seinen schönen Sättigungsmöglichkeiten z. B. für Bass. Dann nutze ich noch von Plug-In Alliance/ BrainWorks das Refine für die E-Gitarren.

Außerdem verwende ich noch den Pro Limiter auf der Summe obwohl das Pult relativ voll ist, was vor allem an den vielen Revibes und Pitches liegt (die immer gleich einen ganzen DSP beanspruchen) die ich nutze um die Backing Vocals etwas aufzublasen. Es ist trotzdem keine Pop-Show, die man so Radio-mäßig komprimieren oder mit Plug-Ins sättigen müsste. Es ist halt schon noch ein „bisschen“ Punk!

Dadurch, dass viele Dynamikprozessoren aus dem Recording nun auch Live verfügbar sind könnte man ja wirklich auch bei Konzerten eine maximale „Lautheit“ fahren …

Das gilt es aber Live unbedingt zu vermeiden. Denn dann atmet es gar nicht mehr und es ist wie laut Radio hören. Und dann fesselt einen die Musik auch nicht mehr. Das klingt dann vielleicht super, hat aber keine Dynamik mehr. Man sollte natürlich ein bisschen aufpassen, dass man nicht zu viel Dynamik hat, sonst schafft man es nicht die Lautstärke-Reglementierungen einzuhalten, weil man zu starke Peaks erzeugt, mit einer leichten Komprimierung und Limitierung in der Summe klappt das aber ganz gut. Ich versuche jedoch immer, dass die Konzerte ihren Live-Charakter behalten und es nicht so klingt wie eine laute CD. Die Leute kommen ja nicht wegen einer „lauter CD“ zu den Hosen, die kommen wegen „schreienden Sängern“ und explodierenden Gitarren – und das soll ruhig so bleiben.

Stefan, vielen Dank! Und weiterhin eine erfolgreiche Tour!

 

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Thomas Wendt is a producer and engineer turned journalist and marketing expert. Since 1998 his company Integrative Concepts serves A-List clients from the MI and Pro Audio industries with communcations and marketing services.