So baut man einen erstklassigen Live-Preamp – Blick unter die Haube der VENUE | S6L

Von in Live Sound, Musik

VENUE | S6L ist viel mehr als einfach nur Avids neuestes Live-Mischpult. Es ist eine ganz neue Plattform für Live-Produktionen – und zugleich Avids bislang größtes Live-Sound-Projekt. Das S6L-System basiert zwar ebenfalls auf der erfolgreichen VENUE-Software und den entsprechenden Workflows, die Hardware wurde jedoch von Grund auf neu entwickelt.

Im Fokus der Avid-Ingenieure standen dabei insbesondere zwei Aspekte: Zum einen sollte das System sowohl beim Mischen als auch bei der Aufnahme die höchstmöglichen Sampleraten unterstützen, zum anderen galt es, die Signalkette – von den Eingängen bis zu den Ausgängen – weiter zu verbessern, um eine optimale Klangqualität zu gewährleisten.

VENUE-Systeme werden in der Veranstaltungsbranche dank ihres exzellenten Klangs seit mehr als 10 Jahren hoch geschätzt. Ihr verfärbungsfreies Wiedergabeverhalten ist auch die ideale Grundlage für die zahlreich angebotenen Onboard-Plug-Ins, mit denen Tonleute ihre Mischungen heute bearbeiten und bereichern können. So stellte das S6L-Projekt unsere Ingenieure vor die Herausforderung, die Audioqualität der VENUE-Umgebung durch Einsatz neuester Technologien und Komponenten noch einmal zu optimieren und zugleich die bekannt hohe klangliche Flexibilität zu erhalten.

“Bei der Entwicklung der VENUE-Konsolen ist das erklärte Ziel ‚Transparenz‘. Vor VENUE bewegte ich mich 25 Jahre lang ausschließlich in der analogen Welt, in der die einzelnen Komponenten die Strukturen für meine Arbeit vorgaben. Als ich auf VENUE umstieg, konnte ich endlich das umsetzen, wovon ich immer geträumt hatte, neue Wege ausloten, um ganz bestimmte Sounds zu schaffen – und nie stand mir die Konsole dabei im Weg … Ich war so frei, das war einfach unglaublich!

– Greg Price, FOH Engineer bei Ozzy Osbourne, Black Sabbath, Van Halen

Ein zentrales Element war die Entwicklung eines neuen Preamp-Typs für das S6L-System. Mit einer kompromisslosen Performance, höchster Klangtreue und Unterstützung für Abtastraten bis 192 kHz. Avids Philosophie ist es, bei der Audiowiedergabe maximale Präzision zu gewährleisten, damit Toningenieure so flexibel wie möglich arbeiten können – mit größtmöglicher klanglicher Vielfalt.

Wenn nun ein Preamp den Ton stark prägt, lässt sich diese klangliche Färbung nicht wieder aus dem Signal entfernen. Man muss mit dem charakteristischen Sound des Preamps leben, ungeachtet dessen, was man noch vorhat. Bei manchen Produktionen mag der typische Preamp-Klang durchaus passen, doch immer wird er nicht ideal sein. Und da Live-Tonleute in der Regel mit verschiedenen Künstlern und musikalischen Stilrichtungen arbeiten, sollten sie ihren Mix ganz flexibel gestalten können und nicht durch die Technik festgelegt sein.

“Stil und Konzeption moderner Preamps für digitale Mischkonsolen erfordern von uns Toningenieuren und Technikern ein gewisses Umdenken“

— Robert Scovill

Robert Scovill, preisgekrönter Live-Tonmann und erfahrener Spezialist für Live-Sound-Produkte bei Avid, erklärt: „Stil und Konzeption moderner Preamps für digitale Mischkonsolen erfordern von uns Toningenieuren und Technikern ein gewisses Umdenken. Dies wiederum führt zu veränderten Erwartungen, was wir an diesem Punkt der Signalkette erreichen möchten. Bei ‚One-Trick Pony‘-Preamp-Konzepten, die ihren ganz typischen Klang mitbringen, muss man sehr auf die akustischen Eigenschaften achten, wenn man den Sounds der unterschiedlichen Signalquellen wirklich gerecht werden will. Für die Studioarbeit ist das kein Problem, denn dort hat man meist genug Zeit, die Auswahl der Preamps optimal auf die einzelnen Klangquellen und Songs abzustimmen. Bei Live-Veranstaltungen allerdings ist das praktisch nicht realisierbar. Genau deshalb bin ich von unserem Ansatz so überzeugt, extrem hochwertige, akkurate Preamps zu verwenden, die einen sehr transparenten Sound ermöglichen – noch vor der digitalen Wandlerstufe. Ist das Signal dann in die digitale Ebene überführt, lassen sich Charakter und Klangfarbe nach Belieben verändern, auf Wunsch sogar für jeden Song oder Sound separat. Das ist für die kreative Arbeit einfach unschlagbar.“

Robert am FOH bei Tom Petty & the Heartbreakers

Wenn ich das passende Mikro auswähle und es korrekt positioniere, entspricht der VENUE-Klang sehr genau dem, was auf der Bühne zu hören ist, und darauf kommt es an. Anschließend kann ich mein Signal nach Belieben bearbeiten, zum Beispiel mehr Wärme oder Grunge hinzufügen, ohne dass mich die Klangfarbe des Preamps einschränkt

– Chris Madden, FOH Engineer bei Pink, Sade, Jessie J.

Chris als FOH Engineer bei Sade

Bei der Entwicklung eines neuen Vorverstärker-Schaltkreises kommen künstlerische und wissenschaftliche Aspekte zusammen. Am Anfang stand vor allem das Ziel, dass der Klang so sauber wie möglich sein sollte, mit einem hohen Dynamikumfang, geringen Verzerrungen, einem hervorragenden Rauschabstand und Unterstützung für Sampleraten bis 192 kHz – und das bei kürzestmöglicher Signallaufzeit. Um dies zu erreichen, beschloss das Entwicklungsteam bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt, für die Gain-Steuerung der Mic-Preamps einen Mikrocontroller einzusetzen, der eine herausragende Performance gewährleistet. Nach umfangreichen Recherchen entschied sich das Team für den digitalen Gain-Controller 5173 aus dem Hause THAT Corporation. THAT Corporation ist eine Audiotechnik-Firma, die sich auf die Herstellung hochwertiger analoger Komponenten für professionelle Audioanwendungen spezialisiert hat. Zu den Kunden der THAT Corporation zählen unter anderem so bekannte Namen wie Apogee, Benchmark und Great River.

Der 5173 ist ein sehr robuster digitaler Gain-Controller (IC), der mit relativ hohen Spannungen arbeitet, so dass er eher Fehler verzeiht und weniger aufwendige Schaltungen erfordert, die wiederum die Audio-Performance beeinträchtigen können. Einer der Vorteile des 5173 in Kombination mit der speziellen Avid-Hardware ist der, dass der 5173 auf Gain-Änderungen angenehm planbar reagiert und auf diese Weise geringstmögliche Schaltgeräusche verursacht und zugleich eine gleichmäßige Gain-Anpassung in 1-dB-Schritten ermöglicht. Ungeachtet dieser überzeugenden technischen Performance arbeitet der 5173 im Vergleich zu vielen anderen IC-Lösungen sehr stromsparend – ein großer Vorteil angesichts der bis zu 64 Eingänge eines S6L Stage 64 I/O-Racks, das das Vorgänger-Modell mit maximal 48 Eingängen pro Stagerack noch einmal übertrifft.

Darüber hinaus passt der digitale Gain-Controller 5173 optimal zu THATs rauscharmem, differentiell arbeitendem Audio-Preamp-IC 1580. Im Vergleich zu anderen Lösungen, die alles in einem IC unterbringen, sind die Controller- und Preamp-Komponenten der THAT Corporation als separate ICs ausgeführt. Dies bietet Unternehmen wie Avid zum einen eine größere Flexibilität, die einzelnen Bauteile auf technische Konzepte abzustimmen. Vor allem aber ermöglicht es optimale Bedingungen bei der IC-Produktion, da der digitale Gain-Controller in einem Hochvolt-CMOS-Prozess gefertigt wird. Zusammen mit dem analogen Preamp 1580, der von Anfang an in BiCMOS-Technik konzipiert wurde, ergibt sich nicht nur ein besseres Rauschverhalten, sondern auch eine höhere Leistung. So wird das Beste aus beiden Welten genutzt – ein einzigartiger Ansatz im anspruchsvollen Pro-Audio-Segment. Während Produkte anderer Anbieter mit einer begrenzten Eingangsspannung arbeiten, bieten die Preamps des S6L-Systems einen Gain-Bereich von 10 – 60 dB und sind für eine Eingangsimpedanz von 4 kOhm optimiert, ob die Pad-Schaltung (Eingangs-Vordämpfung) nun aktiviert ist oder nicht. So kann ein eingehendes Mikrofonsignal ohne Beeinträchtigung der Qualität passiv gesplittet und auf mehrere Konsolen geroutet werden.

THAT 1580 low-noise differential preamplifier IC

Doch das Entwicklungsteam ging noch weiter und ließ in die Optimierung des S6L-Preamp-Konzepts seine gesamte Erfahrung einfließen. Das Resultat ist ein ausgesprochen durchdachtes Design mit Dünnschichtwiderständen zur Verringerung des sogenannten Johnson-Rauschens (thermisches Widerstandsrauschen, letztlich auch Ursache für höhere Verzerrungen) sowie erstklassigen Netzteilen, die die analogen Schaltungen mit Strom versorgen und sich durch eine außerordentlich gute Performance auszeichnen.

Und was bedeutet das nun für die Praxis? Die technischen Ziele, die sich das Entwicklungsteam gesetzt hatte, wurden deutlich übertroffen, selbst bei 192 kHz. Am besten aber brachte es wohl FOH Engineer Greg Price auf den Punkt, als das Team das S6L-System kürzlich zum Soundcheck für ein Van Halen-Konzert mitbrachte und Price die Preamps zum ersten Mal hörte:

“Diese Eingangskanäle klingen so, wie ich es mir immer gewünscht habe!”

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Sr. Marketing Manager for Avid Live Sound Systems and Music Notation. I previously worked at Euphonix and E-MU Systems before joining Avid.